• Katja Schoißengeyr

Tabuthema - Sternenkinder

Lang habe ich gebraucht, um darüber schreiben zu können, aber ich finde es ist ein Thema über das mehr gesprochen werden soll. Ein Thema das mehr Verständnis in der Gesellschaft braucht. Ich habe es erlebt, dass es vielen Menschen sehr schwer fällt einer Sternenmama gegenüber zu treten oder einfach nicht wissen wie man sich gegenüber Sterneneltern verhalten soll. Deshalb möchte ich meine Gedanken zu dem Thema einfach niederschreiben. Vielleicht hilft es der ein oder anderen Mama oder auch Angehörigen, sie besser zu verstehen. Ich schreibe wie ich es erlebt habe, natürlich freue ich mich wenn ich anderen Sterneneltern damit helfen kann.



Bevor ich aber auf dieses sensible Thema eingehe noch einige Erklärungen und wissenswerte Fakten über Sternenkinder.

Sternenkind nennt man ein Kind, das mit weniger als 500g vor, während oder nach der Geburt gestorben ist. Jede 4te!! Schwangerschaft endet ohne, dass die Eltern ihr Kind kennenlernen dürfen. Zu 80% finden die Fehlgeburten in den ersten 12 Schwangerschaftswochen statt. Die 20% die danach eine Fehlgeburt erleiden, müssen ihr Sternenkind auf natürliche Weise auf die Welt bringen, das nennt man stille Geburt. Den Tag an dem Sterneneltern ihr Kind verlieren oder still zur Welt bringen nennt man Sternengeburtstag. Man kann sein Sternenkind, mit einer Bescheinigung des Arztes, in das offizielle Stammbuch eintragen lassen. Wenn man nach der Geburt eines oder mehrerer Sternenkinder ein Kind lebend auf die Welt bringt, wird dies liebevoll Regenbogenkind genannt. Jeden 2ten Sonntag im Dezember werden überall auf der Welt um 19 Uhr (Ortszeit) Kerzen für die Sternenkinder angezündet.




Wenn ich meine kleine Maus ansehe, kann ich einfach nur von Glück reden, denn ich habe es am eigenen Leib erleben müssen, dass es nicht selbstverständlich ist ein Kind haben zu dürfen. Ich nehme meine kleine überall mit und mach alles was ich tue mit ihr gemeinsam, weil ich einfach dieses besondere Geschenk, das mir Gott gemacht hat, jede Sekunde genieße. Für mich ist es nicht selbstverständlich dieses Geschenk in den Armen halten zu dürfen, da ich vor unserem kleinen Regenbogenkind zwei Sternenkinder geboren habe. Vom ersten Sternenkind erfuhr ich einen Tag vor unserer Hochzeit. Die Ärztin sagte „Das Herzchen schlägt nicht mehr“. Ich war so geschockt, dass ich es auf unserer Hochzeit erfolgreich verdrängt habe. Doch dann kam der Einbruch.

Als ich es erfahren habe, dachte ich mir in einem starken Moment noch „Ich schaff das schon, aber wie um Himmels Willen bring ich das meinem Mann bei“. Nachdem ich mit tränenüberströmtem Gesicht ins Auto stieg, wusste er schon was los war und in die traurigen Augen meines Mannes zu blicken, machte mich noch trauriger als zuvor. Mein Herz brach in diesem Moment in tausend kleine Stücke und ich konnte mir nicht vorstellen wie die jemals wieder zusammenheilen sollten.



Nach der Hochzeit kam die kleine „Geburt“ und alles wurde plötzlich ziemlich real und meine Welt brach zusammen. Ich schämte mich dafür. Das was nur Frauen können, ein Kind zur Welt zu bringen, wofür Frauen gemacht worden sind, und ich habs nicht geschafft. Ich fühlte mich nicht gut genug für diese Welt, dachte mir ich sei es nicht Wert hier zu sein, wenn ich nicht mal das einfachste auf der Welt schaffe. So schnell als möglich wollte ich meinen Verlust vergessen und unbedingt ein gesundes Kind. Nicht nur für mich, auch für meinen Mann der sich doch so sehnlichst ein Kind wünschte. Ich hatte Angst, Angst davor es nochmal zu erleben, Angst davor meinen Mann noch einmal zu enttäuschen. Aber so schnell als möglich wollte ich beweisen, dass ich es kann. Außerdem wollte ich um jeden Preis ein Baby im Arm halten, schmutzige Windeln wechseln und Kotze vom Boden aufwischen. Ich wollte endlich eine eigene Familie.

Tja wie es das Schicksal so will wurde ich sofort wieder schwanger. Von Anfang an plagten mich in dieser zweiten Schwangerschaft nur Ängste und ich merkte, ich hätte noch mehr Zeit gebraucht, um das erste Sternenkind zu verarbeiten. Wir versuchten trotzdem das Beste daraus zu machen und freuten uns auf dieses zweite Wunder. Die leuchtenden Augen meines Mannes, als ich ihm gesagt habe, dass wir erneut schwanger sind, werde ich nie vergessen. „Diesmal klappt es, ein zweites Mal haben wir uns das nicht verdient“ waren seine Worte. Einige Wochen später kam er nach Hause mit einem Namen, den er unserem Kind geben wollte, ich stand nur da mit Tränen in den Augen und sagte „Ich spüre es, es stimmt was nicht“. Und in der selben Nacht, mussten wir uns von unserem zweiten Kind verabschieden. Diese Fehlgeburt war besonders dramatisch für uns, da ich mit Rettung ins Krankenhaus gebracht werden musste und auch dort bleiben musste. Nach einer Nacht ging ich aber auf Revers nach Hause, da ich es alleine, ohne meinem Mann nicht aushielt im Krankenhaus. Zu Hause fühlte ich mich aber auch alleine, egal wer da war ich fühlte mich alleine gelassen. Es war so eine unglaubliche Leere in mir. Ich wusste nicht wie ich das jemals schaffen sollte, ich wollte im Moment keine Kinder mehr, wusste nicht ob ich jemals noch eine Schwangerschaft überstehe. Ich schämte mich und wollte keine Menschen sehen und auch niemanden sprechen.

Meine Schwester war glaub ich der erste Mensch mit dem ich darüber reden konnte, aber ich hatte das Gefühl sie kann mich auch nicht verstehen. Auch das Gespräch mit meiner Mama hat mir nix geholfen. Naja wie denn auch, die Gespräche mit meiner Mama helfen mir zwar sonst in jeder Lebenslage, aber sie hat das ja nicht erlebt, hat 7 gesunde Kinder auf die Welt gebracht und sowas nie durchmachen müssen. Also wie soll sie mich da verstehen. Deshalb hatte ich das Gefühl keiner kann mich verstehen. Ich war echt am Boden. Das einzige was mich dann morgens aufstehen lassen hat, war die Pflicht in die Arbeit zu gehen oder etwas für meinen Mann zu kochen. Ich fühlte mich kraftlos, nutzlos, schämte mich, wusste nicht an wen ich mich wenden kann und war am tiefsten Punkt meines Lebens angelangt. Zumindest fühlte es sich so an.



Ich bin aber generell eher ein Mensch der in allen Dingen versucht das positive herauszupicken. Normalerweise kann ich schlechte Gedanken gut aus meinem Kopf verbannen und sie durch gute ersetzen. Aber diesmal fiel es mir unglaublich schwer und ich wusste nicht ob ich es schaffe. Aber ich wollte auch diese negativen Gedanken und diese Trauer wieder loswerden und wieder zu dem positiven Menschen werden der ich immer war. Also versuchte ich einen Weg zu finden, um diese Ereignisse bestmöglich zu verarbeiten und in mein Leben zu integrieren.

Als erstes musste ich einfach einen Weg finden, um mich von meinen Kindern zu verabschieden. Ich schrieb ihnen einen Brief, mein Mann auch, und gemeinsam verbrannten wir diese dann und verbuddelten die Asche. Klingt irgendwie komisch, aber es hat uns geholfen Abschied zu nehmen. Außerdem wussten wir dann auch etwas besser über die Gedanken des anderen Bescheid und konnten besser darüber reden. Langsam konnte ich dann auch mehr und mehr mit den Leuten über meine Verluste sprechen und jedesmal wenn ich darüber gesprochen habe, merkte ich wie es mir hilft und danach einfach besser geht.

Ich dachte viel darüber nach warum Gott genau mir diese Kinder genommen hat und warum genau mir sowas passieren musste. Nächtelang googelte ich warum man Kinder verliert und was der Grund dafür sein kann. Bei drei verschiedenen Ärzten war ich und hab alles durchchecken lassen. Ich wollte einfach einen Grund dafür haben. Es kam aber nix raus, ich war kerngesund und kein Arzt konnte irgendeinen Grund für die Fehlgeburten finden. Ich hörte nur immer wieder „ Das passiert vielen Frauen“ oder „ Das ist die natürliche Auslese“.



Meine Kinder dachte ich mir, lebten nur kurz und ich konnte sie nie kennen lernen. Aber ich durfte sie spüren und durfte ihnen meine volle Liebe geben. In der kurzen Zeit hier auf der Erde, haben sie nichts von dem Leid, Hass, der Missgunst und den negativen Dingen dieser Welt mitbekommen. Sie haben nur Liebe gespürt, waren eingebettet in meinem warmen Bauch und gut behütet. Und jetzt dachte ich mir, sind sie im Himmel und haben dort auch nur Liebe und Schlaraffenland. Ja so stelle ich mir das vor. Meine Kinder hatten eine kurze von Liebe erfüllte Zeit hier auf der Erde und jetzt sind sie an einem wunderschönen Ort, wo sie von meinem Opa und meinem Onkel auch nur Liebe erfahren und als Schutzengel auf uns herabschauen. Und das Aller-schönste ist, irgendwann werde ich sie kennen lernen und wir leben alle als Familie im schönen Schlaraffenland.

Was gibt es schöneres als ein von Liebe erfülltes Leben, ein Leben ohne Krieg, Hass, Neid und Missgunst?

Ich hoffe ich konnte andere Mütter dazu bewegen, mehr über ihre Verluste zu sprechen und nicht das Gefühl haben zu müssen, sich zu verstecken oder das sie damit alleine sind. Außerdem hoffe ich, habe ich Menschen die nicht betroffen sind, einen kleinen Einblick gegeben wie man sich als Sternenmama fühlen kann. Vielleicht kann man dadurch Betroffene Eltern besser verstehen.


Alles Liebe

eure Katja

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